Wohnheim in Sankt Petersburg

Wohnheim in Sankt Petersburg

Wohnheim in Sankt Petersburg - Kapitanskaya ul. 3

Wer in St. Petersburg einen Sowjetbau par excellence unweit des Stadtzentrums sehen möchte, reist auf die Vasilyevsky Insel, im Westen der Stadt. Das Wohnheim in Sankt Petersburg Kapitanskaya Nummer 3 am Finnischen Meerbusen zählt in St. Petersburg zu den „besseren“ studentischen Unterkünften. Die schöne Aussicht und die tollen Sonnenuntergänge, die man aus den Fenstern betrachten kann, ändern allerdings nichts an dem Umstand, dass es sich bei der architektonischen Meisterleistung dieses Bauwerks um eine sogenannte „Chruschtschowka“ handelt. Die Plattenbauten, die unweigerlich mit dem Ostblock verbunden werden.

Sowjet Flashback

Mein erster Eindruck, als ich in dem Wohnheim ankam, war somit in gewisser Weise ein Flashback, der meine Kindheitserinnerungen weckte. „Genauso sah es auch bei uns aus!“ Die dunklen Gänge, Treppenhäuser, der Müllschacht im Flur, vor dem ich mich als Kind gruselte und natürlich die Geräusche des Fahrstuhls, die jede Sekunde das Steckenbleiben der rappelnden Kästen ankündigten, ließen mich unweigerlich an meine Kindheit denken. Vieles, das ich aus dem Sibirien der 90er kannte, war hier noch erhalten. Wohin sollen diese Monumentalbauten auch im Jahr 2016 verschwunden sein? Die Menschen brauchen schließlich Wohnraum, an dem es in großen Städten, wie St. Petersburg, mangelt. Neben Moskau ist St. Petersburg eine der florierenden Städte Russlands. Die Entwicklung im Rest des Landes stagniert schon seit Jahrzehnten, weshalb sich die Lebenssituation der Menschen außerhalb der Metropolen, im Vergleich zur Sowjetzeit, nicht nennenswert geändert hat.

Müllschacht Wohnheim in Sankt Petersburg

 

Kapitanskaya

Einige Überreste an den Wänden und Gerüchte, die von einer Generation der Bewohner zur nächsten Generation übergeben werden, lassen vermuten, dass dieser Bunker vor nicht langer Zeit ein „Hotel“ für russische Touristen war. Dieser Umstand und vielleicht die Tatsache, dass es ein Wohnheim für Austauschstudenten ist, hat uns vor Strom- und Warmwasserausfällen bewahrt – auch bei -26°C. Die zahlreichen Eigenheiten, die einen Sowjetbau ausmachen, kann man allerdings noch heute bewundern.

Außenansicht Wohnheim in Sankt Petersburg

Doppelverglasung ist doch Quatsch!

Was ist das für ein Luxus? Fenster aus Plastik und zudem auch doppelt verglast! Das merkt man erst, wenn es richtig kalt und windig wird. In gewisser Weise gab es eine Doppelverglasung am Gebäude. Jede Tür und jedes Fenster gab es nämlich zwei Mal. Jede Verglasung für sich genommen, war sinnlos, da sie für das Abhalten von Wind und Wetter ungeeignet waren. In Kombination jedoch, ergab dies einen isolierenden Effekt. Insgesamt war alles natürlich sehr in die Jahre gekommen. Ich muss gestehen, dass ich im August nur vage ahnte, warum die Holzrahmen mit Resten von Klebeband und Schaumstoff beklebt waren. Nachdem auch noch am 15. November „pünktlich“ die Heizungen angemacht wurden, obwohl noch angenehme Temperaturen herrschten, hatten wir eine kostenlose Sauna. Mit dem Einbruch der Kälteperiode (um die -26°C) und den starken Seewinden am Anfang des Winters wusste ich den Wert dieser Konstruktion zu schätzen. Im 9. Stockwerk kann es bei einer lauwarmen Heizung und undichten Fenstern ganz schön windig und kühl werden.

Doppelverglasung Außenansicht Wohnheim in Sankt Petersburg

Fahrstühle Tricks und Tipps

Auch wenn die Heizungen und der Strom immer funktionierten, heißt es nicht, dass alles glatt läuft. Einer der unangenehmsten Fehler, der bei einem 12-stöckigen Gebäude passieren kann, ist ein Ausfall des Fahrstuhls. Doch der russische Pragmatismus hat so einige Tricks und Tipps auf Lager.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man mit einem nicht fahrenden Fahrstuhl im Wohnheim umgehen kann. Letztens hatte ich sogar eine kurze Unterhaltung mit einigen Mitarbeitern des Wohnheims, da einer der Fahrstühle mal wieder nicht ging, dabei haben sie mir folgende Tipps gegeben:

Wenn man beispielsweise den Knopf für sein Stockwerk gedrückt hat, die Tür allerdings wieder aufgeht, ohne dass der Fahrstuhl losfährt, dann gibt es die folgende Möglichkeit, die auch mir oft geholfen hat: Haltet den Knopf für euer Stockwerk die ganze Fahrt über gedrückt, dann kommt man meistens sicher ans Ziel. Was passiert, wenn man den Knopf dann während der loslässt, kann ich nicht sagen. Probiert es aus J.

Geht die Tür nicht wieder auf, nachdem man den Knopf gedrückt hat, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man springt ein paar Mal auf und ab oder man versucht die zwei Türhälften mit Kraft zusammen zu schieben, bis der Fahrstuhl wieder fährt.

Hilft nichts davon, muss man dann doch die Treppen nehmen. Pech, wenn man auf dem elften Stockwerk wohnt.

Noch ein Tipp, wenn nichts mehr geht, versucht den Fahrstuhl auf der anderen Seite. Im zwölften Stockwerk gibt es einen Durchgang zur anderen Seite. Dann muss man z.B. nur eine Treppe runter, wenn man auf dem elften Stockwerk wohnt.

Fahrstuhlanzeige Wohnheim in Sankt Petersburg

Donnerstag ist Wäschetag

Zu den wöchentlichen Routinen des Wohnheimlebens gehörte nicht nur eine Putzfrau, die zwei Mal die Woche vorbauschaute, um die Böden und den Herd zu wischen. Darüber hinaus gab es donnerstags den Wäschetag. Jeden Donnerstag konnte man sich frische Bettwäsche und ein Handtuch aus dem Wäschezimmer (Nr. 1) abholen. Die Wäsche-Babushka durfte allerdings nur Wäsche rausgeben, wenn es genau vier Teile waren. Es mussten stets ein Kopfkissenbezug, ein Deckenüberzug, ein Bettlaken und ein Handtuch sein, was jedes Mal penibel kontrolliert wurde. Wehe, wenn man vielleicht ein Teil zu wenig mitgebracht hat.

Insgesamt allerdings ein toller und kostenloser Service des Wohnheims.

Eigene Wäsche waschen

Im Wohnheim befindet sich auch ein Zimmer mit Waschmaschinen (Nr. 7), dem eine Wasch-Babushka vorsteht. Bei ihr kann man für einen kleinen Obolus seine dreckige Wäsche waschen lassen und nach wenigen Stunden sauber und getrocknet abholen. Das Geld darf sie allerdings nicht persönlich annehmen. Zunächst trägt sie den „Kunden“ in eine Liste aller Wohnheimbewohner ein und stellt daraufhin einen Beleg aus, der nachweist, dass man diesen Service in Anspruch genommen hat. Mit diesem Beleg geht man zu der Kasse, die sich an einem anderen Wohnheim befindet und lässt sich dort eine Rechnung ausstellen. Diese Rechnung kann man nun entweder an einer Kasse des Wohnheims oder einer Bank begleichen. Ziemlich viel Aufwand für ein paar Rubel.

Ich habe bis zum Ende meines Aufenthalts zwei dieser Belege unbezahlt gelassen; sie haben mich trotzdem erwischt. Es war allerdings gar kein Problem, da ich es – oh Wunder – dann doch bei der Wäsche-Babushka bezahlen konnte.

Insgesamt ist so ein Procedere allerdings nicht ungewöhnlich. Scheinbar versucht man so im Kleinen die Korruption zu bekämpfen. Viele der Babushkas würden eine freie Preisgestaltung in einem Wohnheim für internationale Studierende wahrscheinlich auf Dauer doch ausnutzen.

Nicht zu vergessen ist das Bügelzimmer (Nr. 7-A). Hierfür holt man sich den Schlüssel an der „Reception“ (Nr. 12).

reception Wohnheim in Sankt Petersburg

Babushkas und Mitarbeiter

Hier gibt es nur einen Tipp. Man sollte es sich mit keiner der älteren Frauen verscherzen Ohne die Hilfe der Babushkas kann der russische Winter um einiges unangenehmer werden.

Dabei sollte man es sich mit den Drehkreuz-Babushkas nicht verscherzen, wenn man Besuch länger als 23 Uhr bei sich haben möchte.

Den „Reception“-Babushkas sollte man immer freundlich begegnen, da sie in der Zentrale der Macht sitzen. Sie können den Klempner rufen, wenn die Heizung nicht geht oder die Sicherung reindrehen, wenn sie wieder rausgeflogen ist.

Korruption im Wohnheim

Im Wohnheim gibt es, wie in ganz Russland, Momente in denen der eine oder andere Rubel unter der Hand den Besitzer wechselt. Ich persönlich konnte mich während meines gesamten Aufenthalts solchen Situationen entziehen. Viele berichten jedoch, dass die Besuchszeit, die um Punkt 23 Uhr endet für 150 Rubel (ca. 2 Euro) verlängert werden könnte.

In Russland gibt es eigentlich nur zwei Wege wie man den Menschen begegnen kann, um das zu bekommen was man möchte. Entweder man ist korrupt und lässt Geld herüberwachsen oder man ist stets nett zu den Leuten, auch wenn sie einem im ersten Moment nicht mit der gleichen Freundlichkeit entgegenkommen. Es ist besser man gewöhnt sich schnell an die herunterhängenden Mundwinkel und die grimmig dreinschauenden Menschen, da die meisten Menschen in Russland nur selten ein Lächeln für Fremde übrig haben.

Ich muss sagen, dass ich mit einem Lächeln nicht immer weiter kam.

Regeln und Verbote

Wenn man sich ein wenig Mühe gibt und sich mit den Babushkas gut stellt, ist es auf Dauer viel besser für einen angenehmen Aufenthalt im Wohnheim. Auch wenn es viele Verbote und Drohungen gibt, ist alles halb so wild. Die älteren Damen versuchen mit russischen Methoden Ordnung im Haus zu halten. Viele hat das auch während meines Aufenthaltes verstört oder sogar zum Weinen gebracht. Wenn man eine Regel bricht, ist es auch die Regel, dass man angeschrien und beschimpft wird. Dafür lebt man für 70 Euro pro Monat unverschämt günstig in einer tollen Stadt.

Ich muss allerdings gestehen, dass es auch für mich manchmal nicht nachvollziehbare Regeln gab. Meistens waren diese auf DIN A4 Blätter gedruckt. Um der Nachricht noch einen gewissen Nachdruck zu verleihen, wurde alles zum besseren Verständnis in GROSSBUSCHSTABEN geschrieben.

Beispielsweise wird das Verrücken von Pflanzen und Möbeln erbarmungslos geahndet.

Verbote Wohnheim in Sankt Petersburg

Resümee

Ohne große Probleme hält man es in einem russischen Wohnheim aus, wenn man sein Vorrecht auf seine Privatsphäre ein wenig zurückstellt. Zum einen wohnt man nicht alleine im Zimmer und zum anderen kann eine Kohorte Babushkas einen unangekündigt in Unterwäsche im Flur erwischen, um etwas zu klären (ist mir mehrmals passiert). Ich muss allerdings sagen, dass ich mir ein WG Zimmer in der Innenstadt organisiert hätte, wenn ich noch länger in der Stadt geblieben wäre. Schließlich ist die durchschnittliche Miete für ein Zimmer nicht sehr hoch und das Angebot groß.

exit Wohnheim in Sankt Petersburg

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