Wehrpflicht, doppelte Staatsbürgerschaft in Russland

Wehrpflicht

Die doppelte Staatsbürgerschaft: Fluch oder Segen? Als Europäer und vor allem als Deutscher ist man von der ausgedehnten Reisefreiheit und den Möglichkeiten in anderen Ländern zu arbeiten und zu wohnen verwöhnt. Auch für die meisten Reiseziele erscheint der „Adler“ als Schlüssel für die Einreise in fremde Länder. Die Einreise nach Russland gehört nicht zu diesen Selbstverständlichkeiten. Genau hier kommt meine doppelte Staatsbürgerschaft ins Spiel. Die Qualitäten, die sie mitbringt, liegen auf der Hand:

  • Sie ermöglicht die uneingeschränkte Ein- und Ausreise nach und aus Russland sowie den unbefristeten Aufenthalt.
  • Sie erweitert das Spektrum der Reiseländer, die ohne ein Visum bereist werden können (siehe auch Visafreie Einreise: Deutschland und Russland, ein Vergleich).
  • Sie ermöglicht die Aufnahme einer Arbeit in Russland.
  • Sie verpflichtet zum Wehrdienst in Russland.

Wenn man die Russisch spricht, sind das tolle Möglichkeiten, die ein kurzer Gang in eine Botschaft oder ein Konsulat ermöglicht. Halt! Wehrpflicht? In Russland?

Reisepass deutsch und Reisepass russisch

Wehrpflicht in Russland

Nachdem die Frage nach der Wehrpflicht in Deutschland schnell und einfach geklärt war, stand für mich als Russlanddeutscher die Frage im Raum, ob ich verpflichtet bin, den Wehrdienst auch in Russland abzuleisten. Niemand konnte mir die Frage nach der Wehrpflicht mit doppelter Staatsbürgerschaft mit 100%iger Sicherheit beantworten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten, die vor diesem Problem standen, auch nur viele Gerüchte und Halbwahrheiten gehört oder gelesen haben. Die einzigen Aussagen, die bezüglich des Themas kursierten, waren von der Art: "Der Sohn von Freunden von Freunden von Bekannten, deren Name mir gerade entfallen ist, hatte deswegen irgendwann, irgendwo Probleme bei der Ausreise aus Russland" oder es handelte sich um irgendwelche zweifelhaften Forumsdiskussionen, die diese Frage nur unzureichend beantworten konnten. Zugegeben, keine solide rechtliche Grundlage, die zu einem Kurztrip nach Russland einlädt.
Es sind nicht die schönsten Geschichten, die man vom russischen Militär hört: Erniedrigungen, Gewalt, schlicht Schikane. Eine Ausbildung, deren sich jährlich tausende junger Männer aussetzen müssen. Gibt man das Wort "Dedowschtschina" (дедовщина) in eine Suchmaschine ein oder sucht man nach "Wehrpflicht in Russland", erhält man nicht die schönsten Einblicke in die Umgangsformen der Dienstälteren mit neuen Soldaten in der russischen Armee. Es sind jedes Jahr mehrere Tausend Soldaten, die beim Dienst am Vaterland bereits in der Ausbildung ihr Leben lassen (mehr hier). Nicht umsonst versuchen viele besorgte Eltern, zumindest die, die es sich leisten können, ihre Kinder vor dieser schrecklichen Erfahrung zu schützen, wobei es einen Zivildienst, wie man ihn aus Deutschland kennt/kannte, nicht gibt. Wenn man lange genug sucht, weckt man nur noch mehr Geister, die einem die Reise nach Russland gehörig vermiesen können. So habe ich noch am letzten Tag vor meiner Abreise, obwohl ich bereits alles wusste, was man wissen muss, die deutsche Botschaft in Russland, das russische Generalkonsulat in Hamburg und sogar Militärdienststellen in St. Petersburg abtelefoniert, um eine 100%ige Aussage zu erhalten. Allerdings musste ich feststellen, dass es in Russland keine 100%igen juristischen Aussagen gibt.

Zinnsoldaten

Wege aus der Wehrpflicht

Ich kann beruhigen, es ist alles ganz anders, als erwartet. Wenn man nicht, wie meine Kommilitonen in St. Petersburg, das Glück hatte, von den Behörden vergessen worden zu sein, muss man sich anderer Mittel bedienen. Es gibt mehrere Möglichkeiten der Wehrpflicht in Russland zu entgehen. Die Situation junger Männer in Russland sieht in Sachen Wehrpflicht noch lange nicht so rosig aus wie in Deutschland, doch die „schrecklichen“ Zeiten, als man als Wehrpflichtiger von einer Gruppe „Offizieller“ abgeholt oder in der Bahn festgehalten wurde und zum Dienst gezwungen werden konnte, sind vorbei.
Wenn man keinen offiziellen Grund vorweisen kann, lässt sich diese Frage, wie vieles in Russland, mit Geld und den richtigen Ansprechpartnern schnell klären. Entweder findet man die entsprechende Person, die Geldgeschenken offen gegenüber steht und den Namen des Wehrpflichtigen von irgendeiner Liste streichen lässt, oder man zieht spezialisierten Rechtsbeistand hinzu (z.B. hier), der für ca. 35000 RUB (ca. 500 Euro, Stand 11.2015) wahrscheinlich das gleiche macht. Bereits meine erste Erfahrung vor meiner Russlandreise, hat mir gezeigt, dass die Gesetze in Russland sehr unterschiedlich interpretiert werden können.

Wehrpflicht für Russlanddeutsche

Der einfachste und aus meiner Sicht langweiligste Weg ist es wohl die Zeit vom 18. bis zum vollendeten 28. Lebensjahre in Deutschland zu sitzen, um jeglichen Fragen bezüglich der Wehrpflicht aus dem Weg zu gehen. Da die Wehrpflicht in Russland nur bis zum Ende des 27. Lebensjahrs gilt, kann man dann ohne Probleme nach Russland einreisen. Mit diesem Ansatz habe ich mich schon fast begnügt, als sich dann doch die Möglichkeit bot ein Auslandssemester in Russland zu machen. Schließlich musste ich mich plötzlich und schnell wieder mit dieser Frage auseinandersetzen.
Meine erste Anlaufstelle war das russische Generalkonsulat in Hamburg, das sich wohl mehr mit Fragen der Rente und Passausgabe beschäftigt, als mit allem anderen. Nachdem ich den Beamten per Mail meine Lage geschildert habe (auf Deutsch), haben sie mir recht schnell geantwortet (auf Russisch), dass meinem Vorhaben „wahrscheinlich“ nichts im Wege stünde. Ist "wahrscheinlich" eigentlich ein juristischer Begriff?
Die militärischen Dienststellen (Военкомат) können einen männlichen Staatsbürger der russischen Föderation nur dann zum Ableisten des Wehrdienstes „zwingen“, wenn er seinen ständigen Wohnsitz in Russland hat und zwischen 18 und 27 Jahren ist.
Kurz: wenn man den ständigen Wohnsitz in Deutschland hat ist alles entspannt! Bei der Einreise wird man gefragt, wo man gemeldet ist, hier sagt man einfach, dass man seinen ständigen Wohnsitz in Deutschland hat: «Постоянноe место проживания в Германии». Anschließend bekommt man in seinen russischen Reisepass einen Stempel, der die Einreise dokumentiert. Bei der Ausreise muss man die gleiche Frage beantworten und bekommt einen Ausreisestempel. Easy!
Man hätte sich die Sorgen und die Recherche sparen können.

Hinweis: Doppelte Staatsbürgerschaft in Russland

Rechtlich gesehen gibt es in Russland keine doppelte Staatsbürgerschaft, wenn man Russe ist, ist man Russe. Trotzdem gibt es Gesetze und Pflichten für Doppelstaater. Einige der wenigen Verpflichtungen, die man als russischer Staatsbürger mit einem zusätzlichen Pass, seit Mitte 2014, hat, ist die Meldung der zweiten Staatsbürgerschaft bei den russischen Behörden (hier das Gesetz, vor allem ist hier der letzte Absatz interessant, der vor kurzem ergänzt wurde, da es um die Krim geht). Wo man den Antrag schriftlich einreichen muss, weiß ich allerdings nicht. Dies muss man auch erst nach 60 Tagen ab Einreise machen.

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