Schulre(re)form in Polen

In Polen ist viel in Bewegung. Vor allem die politischen Entwicklungen der letzten Monate haben unseren Blick auf Polen gelenkt. Besonders interessant war für mich während der Auslandshospitation die Wirkung der Schulreform der polnischen Regierung.

Änderung des Schulsystems

Die 6-jährige Grundschule und das 4-jährige Gymnasium (7-10 Klasse) wurden mit dem neuen Schuljahr abgeschafft. Dafür dürfen die Schüler ein Jahr länger in der s.g. Grundschule zusammen sein und wechseln erst nach 8 Jahren auf das 4-jährige Liceum. Generell ist es ja zu begrüßen, wenn Kinder länger in einer Klassengemeinschaft lernen dürfen. Wenn es das wütende Bildungsbürgertum nicht verhindert hätte, wäre in Hamburg die 6-jährige Grundschule eingeführt worden. Trotz des Für und Wider haben die Lehrer in Polen andere Bedenken bezüglich der Schulre(re)form. Hier geht es nicht um ausgleichende Bildungschancen oder wissenschaftliche Erkenntnisse. Die zentralen Bedenken, die ich von den Lehrkräften wahrgenommen habe, sind, dass sie die Rückkehr zum alten Schulssystem so deuten, dass es ein Rückschritt und damit ein Zurück zu früheren Verhältnissen ist, die sich niemand aus der jüngeren Generation in Polen wünscht.

Sorgen um den Job

Vor allem sind jedoch die Sorgen um die eigene Stelle groß. In Polen entscheidet nämlich der Schulleiter, wer eingestellt und entlassen wird. Durch die Verschiebung der Zuständigkeiten in der Beschulung ergeben sich natürlich andere Zeitkontingente, was vielen Lehrkräften Sorgen macht. Sie müssen sich nun die Frage stellen, ob es für ihr Fach (in Polen unterrichten die Lehrkräfte meist nur ein Fach) genügend Stunden geben wird. Schon jetzt haben viele Lehrer in Polen mehrere Jobs, weil das Gehalt nicht für den Lebensunterhalt reicht. Im Schnitt erhalten polnische Lehrer 500-900 Euro. Obwohl Lehrkräfte in der Gesellschaft ein relativ hohes Ansehen genießen, wird die Arbeit unterdurchschnittlich bezahlt.

Politischer Druck

Welche Absicht hinter dieser Reform wirklich steckt, kann ich nicht sagen. Diese Veränderung bietet allerdings die offensichtliche Möglichkeit, mehr oder weniger unbemerkt an vielen Stellschrauben zu drehen, um politische Ziele zu erreichen:

  • Inhalte können damit einfach verändert werden, da neue Schulbücher geschrieben werden müssen.
  • Lehrer- und Schulleiterstellen können so einfacher umbesetzt werden, wenn eh viel in Bewegung ist.

Wir können aus Deutschland mit Spannung zuschauen, was sich Polens Regierung noch so einfallen lässt.

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