Russischer Aberglaube in St. Petersburg

Russischer Aberglaube

Nicht nur jeder Haushalt, sondern auch jede russische Stadt hat ihre Bräuche, Mythen und Geister. Der folgende Teil zeigt meine, teils sonderbaren, teils interessanten Begegnungen mit dem russischen Aberglauben in St. Petersburg.

Der russische Aberglaube, ein System voller kleiner Regeln, die einen Außenstehenden zum Schmunzeln bringen, für einem echten Russen allerdings ein richtiges Korsett schnüren. In der Mythologie und dem Glauben an Geister, Gottheiten und Nymphen der alten Rus begründet und gepaart mit der späten Christianisierung, hatten die Russen vergleichsweise wenig Zeit sich vom Glauben an Waldgeister zu lösen. Erst im Jahr 988 n. Chr. Wurde der erste Großfürst Wladimir I. getauft und zwang seinem Volk diesen Glauben mehr oder weniger auf. Lange Zeit haben sich viele der Russen dagegen gewehrt. Noch heute leben diese Fabelwesen in den zahlreichen dunklen Märchen und Oden weiter. Während es damals Feen, Naturgeister oder Meerjungfrauen waren, sind es heute einfache, individuelle Legenden, die den Alltag erleichtern sollen und manchmal das Gegenteil bewirken können.

Bustickets in St. Petersburg

Auf eine dieser Sitten, die mir in St. Petersburg begegnet ist, wurde ich bereits auf meiner ersten Fahrt vom Flughafen zum Wohnheim aufmerksam. Jedes gekaufte Busticket hat, wie auf dem Titelbild, eine sechsstellige Seriennummer. Nachdem man die 30 Rubel für das Ticket beglichen hat, reißt die Fahrkartenverkäuferin, die in jedem Bus auf ihrem eigenen Sitz sitzt, von einer dicken Rolle, die sie meistens durch selbsterdachte Konstruktionen an ihrer Hand oder ihrer Geldtasche an einem Gummiband befestigt, einen dieser Altpapierfetzen ab. Jeder St. Petersburger hat bei diesem „Glücksspiel“ ein eigenes System. Die populärste Variante funktioniert allerdings wie folgt:

Man bildet die Quersumme der ersten drei Zahlen der Seriennummer und die Quersumme der letzten drei Zahlen. Anschließend vergleicht man diese miteinander. Sind die Zahlen gleich, ist die eine Zahl um eins größer oder kleiner, so hat der glückliche Besitzer dieses „Loses“ ein Glücksticket gekauft und kann den restlichen Tag auf etwas Segen von Fortuna hoffen. Das heißt, dass man beispielsweise mit der Nummer 012 300 ein richtiger Glückspilz wäre, da die Quersumme beider Tripel drei ist. Die Zahl drei ist sowieso gut und dazu kommt noch, dass man noch die Folge 0123 auf dem Ticket hat. Ein wahrer Jackpot!

Ich bin schließlich endgültig vom Glauben abgefallen, als mir meine Russischlehrerin, eine gestandene, aufgeklärte, bürgerliche, wohlsituierte Frau, wahrscheinlich Mitte fünfzig, ihr System beim Ticketlotto offenbarte. Nachdem sie eines dieser Lose mit einer entsprechenden Zahlenfolge gekauft hat, muss sie dieses Glücksticket essen, um das Glück aus den Vollen schöpfen zu können.

Russischer Aberglaube und die Vorliebe für Geister und Schauergeschichten

Die Vorliebe für Schauergeschichten des russischen Volkes lässt sich schon in den zahlreichen Märchen und Legenden erkennen. Es wird immer jemand gegessen, ertränkt, gehängt, geköpft oder, wenn er Glück hat, nur lebenslänglich in den Kerker gesperrt. Die Fantasie der Leute und die Zeit, die ins Land geht, bringt erst die richtige Würze in historische Ereignisse.

Smolenskoye Friedhof (Смоленское Православное Кладбище)

Der Volksmund übermittelt, dass auf dem größten Friedhof der Stadt auf der Vasilyevsky Insel zur Zeit der Revolution, Anfang des 20. Jahrhunderts, 40 Priester lebendig begraben wurden. Sie wurden von den Revolutionären verhaftet und an einem zuvor ausgehobenen Massengrab vor die Wahl gestellt, sich vom Glauben abzuwenden oder begraben zu werden. Der Legende nach haben sich alle 40 Priester für den Märtyrertod entschieden. Noch 3 Tage nach dem Massenbegräbnis habe man noch Stöhnen gehört und Bewegungen der Erde wahrgenommen. Nachdem allerdings ein Strahl Gottes auf diese Stelle fiel, wurde alles still. Eine Begegnung der besonderen Art kann man erwarten, wenn man sich nach dem Haupteingang rechts hält.

St. Michaels Schloss (Михайловский замок)

Das vom verrückten und am Verfolgungswahn leidenden Paul I., dem Sohn von Katharina II., erbaute Sankt Michaels Schloss hat der Unglückliche nur 40 Tage bewohnen können. Dann wurde er in seinem neuen Schlafgemach ermordet. Nach seinem Tod wurde das Schloss verlassen, keiner der Monarchen wollte jemals wieder darin wohnen. Das Schloss verfiel und wurde Gegenstand verschiedenster Spuckgeschichten. Noch heute soll dort Unerklärliches vor sich gehen.

Kunstkamera

Auch wenn die Revolution religiöse Aktivitäten verbannt hat, konnte sie den russischen Aberglauben nicht unterdrücken. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurden leider zahlreiche Kunstschätze gestohlen oder zerstört und sind bis heute noch verschollen. Nicht unverschont von der Plünderung blieb die Kunstkamera (Кунсткамера), die von Peter I. gegründet wurde. Hier sammelte er alle möglichen Fehlbildungen des menschlichen Körpers. Neben den verschiedensten Sonderbarkeiten der Sammlung war auch ein Skelett eines Menschen mit Überwuchs ausgestellt. In der besagten Nacht war das ganze Skelett für die Plünderer wohl zu viel, weshalb sie nur den Schädel entwendeten. Nachdem Ruhe eingekehrt war, begannen die Mitarbeiter und Wachen des Museums den Kopflosen ruhelos durch die Flure wandern zu sehen. Er war ihrer Meinung nach auf der Suche nach seinem Schädel. Irgendwann sah auch der Direktor des Museums (Rudolf Its) das Gespenst, weshalb man sich schließlich gezwungen sah, eine Lösung zu finden. Der ganze Spuk endete schlagartig, als jemand auf die Idee kam dem Kopflosen einen Ersatzkopf aufzusetzen, was den gewissen Pragmatismus des russischen Aberglaubens unterstreicht.

Figuren in der Stadt

Zu den kleinen, allerdings nicht minder interessanten Attraktionen der Stadt gehören die zahlreichen Metallfiguren, die an den sonderbarsten Stellen angebracht sind.

Zu den bekanntesten Figuren gehören sicherlich die Sphinxen, die am Ufer der Neva gegenüber der Kunstakademie wachen. Das Besondere an diesen Figuren, die zum obligatorischen Programm eines jeden Besuchers der Stadt gehört, ist deren Kraft Wünsche zu erfüllen. Es gibt keinen Reisebus, der nicht an dieser Sehenswürdigkeit Halt macht, um seine Passagiere die wenigen Stufen zu den Figuren am Ufer hinabsteigen zu lassen. Unten angekommen, muss man nur noch den Kopf eines der vier geflügelten Löwen streicheln. Wenn es sich um einen schweren Wunsch handelt, dann muss man sich schon ein wenig ins Zeug legen und die Köpfe richtig kräftig reiben. Urteilt man an den Erosionserscheinungen an den Häuptern der Figuren, wäre man nicht der Erste.

Ebenso beliebt ist Chizhik-pyzhik (Чижик-пыжик). Ein kleiner Vogel, der einem unaufmerksamen Stadtbesucher nur schwer ins Auge fällt, da er an der Außenseite einer Brücke angebracht ist. Erst wenn man von der Brücke zum Wasser schaut, entdeckt man den Fink auf einem kleinen Vorsprung sitzen. Hat man ihn entdeckt, kann man versuchen eine Münze hinunter zu werden. Bleibt sie auf dem Vorsprung des kleinen Vogels liegen, hat man Glück, mehr Geld oder einfach nur Geschick.

Russische Bräuche

Ziemlich viele russische Bräuche sind hier recht gut aufgezählt. Es wundert mich immer wieder, dass auch ich viele von ihnen kenne und sie scheinbar Allgemeingut der russischen Gesellschaft sind. Eine neue Auflistung brauche ich hier nicht nochmal machen. Sie haben aber meistens wirklich einen ziemlich starken Einfluss auf den Alltag der Menschen. Meine Russischlehrerin erzählte mir, dass sie recht oft etwas zuhause vergisst. Anstatt zurückzugehen und das Vergessene zu holen, lässt sie es lieber vergessen zuhause liegen. Es ginge ihr zu viel Zeit dabei verloren, jedes Mal in den Spiegel schauen zu müssen, wenn sie wieder zurückkommt, um etwas zu holen.

Auch wenn viele der Zwänge manchmal sehr amüsant wirken, können einige von ihnen auch sehr nett sein. Beispielsweise muss man sich vor langen Reisen mit seinen Nächsten hinsetzen und kurz innehalten - das bringt Glück und sichert den Reiseweg. Einfach ein sehr netter Brauch, findet ihr nicht auch?

Weitere Links zum Thema

www.welt.de

Russischer Aberglaube

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.