Reflexion des Lehrens und Lernens

Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lernprozess ist so eine Sache. Es ist schon recht frustrierend, über das Lernen nachzudenken, wenn man gerade eine weniger gute Note erhalten hat. Noch weniger Lust hat man aber sicher, wenn man eine sehr gute Arbeit zurückbekommen hat. Die Note ist doch gut, warum sollte ich mir dann noch das Ergebnis anschauen? So landen Lernergebnisse (Klausuren, Tests, Präsentationen etc.) häufig im Müll, ohne sie für den Lernprozess nutzbar gemacht zu haben. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, als wir Fehler in einer Klassenarbeit korrigieren mussten, indem wir alles 3 Mal richtig aufschreiben sollten. Verständlich, dass es von den meisten als eher lästige Aufgabe angesehen wurde. Das ist mit diesem Beitrag nicht gemeint.

Es lohnt sich mal genauer hinzuschauen, weil man sich nur so verbessern kann. Die Reflexion des eigenen Lernprozesses kann bei weiteren Lernaktivitäten dafür sorgen, dass man bewusster auf Faktoren achtet, die förderlich oder hinderlich für das eigene Lernen sind, was insgesamt einen großen Effekt auf die Lernergebnisse haben kann.

Theoretischer Hintergrund

Während meiner Masterarbeit habe ich mich intensiv mit der Reflexion beim Lehren und Lernen beschäftigt. In diesem Zuge habe ich acht Felder identifizieren können, die bei der Reflexion des Lehr-Lernprozesses hilfreich sein können.

Kompetenz

Kompetenzorientierung ist seit einigen Jahren im Uni und Schulkontext ein geflügeltes Wort. Die Reflexion der Kompetenzen fokussiert die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man während des Lernprozesses erworben hat oder diejenigen Kompetenzen, die man für die Bewältigung der Aufgabe benötigt hat. Dabei ist die Reflexion von den Inhalten und dem Prozess unabhängig.

Lernvermögen

Etwas sperrig ist das Lernvermögen. Im Gründe geht es hier um die Fähigkeit seinen eigenen Lernprozess steuern zu können. Dabei geht es darum eine Metaebene einzunehmen und sich selbst beim Lernen zu betrachten. Für ein besseres Verständnis können die unteren Reflexionsfragen weiterhelfen.

Eigene Lernmotivation und -ziele (Warum?)

Lernziele und Kompetenzen werden häufig von der Institution festgelegt, wenn es darum geht, formale Abschlüsse zu erlangen. Deshalb ist es wichtig die eigenen Ziele, warum man diesen Lernprozess eingegangen ist, zu betrachten. Der Blick für das große Bild verliert sich da schnell in Details im Verlauf des Lernens. Die Betrachtung des „Warum“ kann da auch zur Motivation beitragen.

Lernhandlung, Lehr-Lernprozess und Strategien (Wie?)

Die Lern- und Arbeitsstrategien können den Lernerfolg auf Seiten der Lernenden maßgeblich beeinflussen. Aus diesem Grund lohnt es sich sehr, die Lernenden auf ihre eigenen Strategien schauen zu lassen.

Lerngegenstand und Inhalte (Was?)

Die Betrachtung der Lerninhalte ist eine naheliegende Reflexion, die in der Schule oder der Uni am häufigsten vorkommt. Das Betrachten des Lerngegenstandes am Ende einer Lerneinheit ist wohl ein Klassiker in Lehr-lernprozessen.

Emotionale Bestandteile einer (Lern-) Erfahrung

Nicht nur seitdem die Gehirnforschung „bewiesen“ hat, dass Lernen Erfahrung braucht, die in Verbindung mit Emotionen verarbeitet und „gespeichert“ wird, wissen Pädagogen, dass Emotionen beim Lernen wichtig sind.

Lehr-Lernarrangement

Die Umgebung und Methoden, die durch den Lehrenden bereitgestellt werden, sowie die selbstorganisierte Lernumgebung des Lernenden (z.B. Schreibtisch, Bibliothek etc.) spielen eine wichtige Rolle beim Lernen und haben u.U. einen maßgeblichen Einfluss auf den Lernerfolg.

Institutioneller Kontext

Institutionelle Faktoren können häufig nur schwierig verändert werden. Dass man sie nicht in die Reflexion einbezieht, verhindert allerdings grundsätzlich die Möglichkeit, dass sie in die Verbesserung des Lernens einbezogen werden können.

Wenn man also vom Lernen lernen in der Schule oder der Uni spricht,  sollte der Lernprozess ganzheitlich angeschaut werden. Die untere Abbildung fasst diese Faktoren übersichtlich zusammen. Am besten lassen sich die einzelnen Aspekte durch entsprechende exemplarische Reflexionsfragen verdeutlichen. Weiter unten habe ich einige formuliert.

Reflexion-des-Lehrens-und-Lernens
Eigene Grafik zur Lehr-Lernprozessreflexion

Reflexionsfragen

Die Reflexion des Lehr-Lernprozesses passiert häufig nicht von alleine. Um die Reflexion zu fördern, habe ich deshalb einige Fragen formuliert. Bei der Bearbeitung der Fragen fokussieren die Lernenden den gesamten Prozess des Lernens, um daraus Erkenntnisse für nächste Lernaktivitäten zu erhalten. Selbstverständlich sollten diese Fragen auf die eigene Situation angepasst werden. Vollständigkeit wird hier nicht garantiert.

Kompetenz:

Um diesen Aspekt zu reflektieren, empfiehlt es sich eine Kompetenzmessung vor und nach der Lernsequenz durchzuführen.

  • Konnte ich meine Kompetenzen erweitern?
  • Was fehlt mir, um mein Wissen konkret anzuwenden?
  • etc.

Lernvermögen:

  • Welche Lernprozesse habe ich durchlaufen?
  • Was waren wichtige Stationen bei diesem Prozess?
  • Konnte ich sie selbst initiieren oder fehlte mir etwas dabei?
  • etc.

Eigene Lernmotivation und -ziele (warum?):

  • Warum habe ich die Inhalte gelernt?
  • Was hat das mit mir und meinem Leben zu tun?
  • etc.

Lernhandlung, Lehr-Lernprozess und Strategien (wie?):

  • Wie habe ich meine Lernziele (nicht) erreicht?
  • Welche Lernhandlung habe ich durchgeführt, was waren meine Strategien?
  • Waren sie erfolgreich?
  • Wie kann ich meine Strategien bei einem ähnlichen Prozess optimieren?
  • etc.

Lerngegenstand und Inhalte (was?):

  • Was habe ich in der vergangenen Lerneinheit (nicht) gelernt?
  • Wie passt das zu meinem bisherigen Wissen?
  • etc.

Emotionale Bestandteile einer (Lern-) Erfahrung:

  • Was habe ich während des Lernprozesses gefühlt?
  • War ich im Stress?
  • Hatte ich ein angenehmes Klima zum Lernen?
  • etc.

Lehr-Lernarrangement:

  • Welche Methoden, Lernumgebungen und Aufgaben haben meinen Lernprozess beeinflusst?
  • Welche Sozialformen und Unterstützungsmöglichkeiten ha-ben mich vorangebracht?
  • War die Struktur der Lehrveranstaltung sinnvoll aufgebaut?
  • Hätte ich die Veranstaltung auch so aufgebaut?
  • Waren die Methoden sinnvoll gewählt?
  • Wo habe ich für die letzte Klausur am häufigsten gelernt?
  • etc.

Institutioneller Kontext:

  • Welche institutionellen Aspekte haben meinen Lernprozess beeinflusst?
  • Habe ich Hilfe bekommen, wenn ich sie brauchte?
  • etc.

Weitere Links

J. Gillen (2007) über Kompetenz

T. Jenert (2008) über Was, Wie und Warum

W. Hilzensauer (2008) über Lernvermögen

T. Häcker und andere über verschiedene Themen der Reflexion

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2 Gedanken zu “Reflexion des Lehrens und Lernens”

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