Mathematische Spiele und Unterricht in Polen

In einem kleinen Klassenraum des Liceums Nr. VII sitzen sich die Kontrahenten gegenüber. Die Herausforderer sind 10 Minuten verspätet. Es macht nichts, da wir uns außerhalb des Unterrichts befinden. Zwei Lehrkräfte und ca. 20 Schüler nehmen sich fast 3 Stunden Zeit, obwohl sie ohnehin schon viel zutun haben, um Matheaufgaben zu lösen. Es sind keine leichten Aufgaben, da sie von der Uni gestellt werden.

Die Schulen erhalten am Tag des Wettbewerbs die Aufgaben. An der ausgewählten Schule haben die Schülerinnen und Schüler eine Stunde Zeit, die Aufgaben zu lösen. Dann treten die zwei Gruppen á 10 Schülerinnen und Schüler gegeneinander an.

Der Kapitän der Gruppe A darf eine Aufgabe auswählen, die die Gruppe B vortragen soll. Der Kapitän der Gruppe B bestimmt einen Schüler, der die Aufgabe an der Tafel vorrechnet. Die beiden Lehrkräfte beurteilen die Lösung nach einem vorgegebenen Schema und vergeben dafür Punkte. Dann darf die Gruppe B der Gruppe A eine Aufgabe stellen, die sie vorrechnen muss. Nach einigen Runden steht der Sieger fest. Das Sieger-Team darf in die nächste Runde einziehen, die Verlierer sind leider aus dem Wettbewerb ganz raus.

In 2 Wochen findet der nächste mathematische Wettbewerb statt. So arbeiten sich die Schülerinnen und Schüler der Region Großpolen durch die mathematischen Herausforderungen. Das Ziel sind die regionalen Wettbewerbe und Prestige für die Schule. Außerdem rekrutiert die Universität so die nächste Generation. Wenn die Aufgaben dieser Runde nicht leicht waren, so sind es die nächsten noch weniger.

Im Grunde finde ich die Idee der Wettbewerbe sehr interessant. Obwohl wir mathematische Wettbewerbe auch in Deutschland haben, finde ich sehr sympathisch, dass Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulen sich persönlich begegnen, um zu knobeln und gemeinsam an mathematischen Problemen zu arbeiten.

Mathematikunterricht

Dass die Schülerinnen und Schüler an diesem Wettbewerb teilnehmen können, verdanken sie sicher auch dem Mathematikunterricht. Während Schülerinnen und Schüler in Deutschland sich damit beschäftigen, wie viele Bakterien sich nach einer bestimmten Zeit in einer Schale befinden oder ob zwei Flugzeuge sich irgendwann treffen (was nie passiert), müssen Schülerinnen und Schüler in Polen „nackte“ mathematische Zusammenhänge kennen und Fertigkeiten haben, um die geforderte Mathematik betreiben zu können.

Ich musste lernen, dass wir in Deutschland mit den Aufgabenformaten, die wir den Schülerinnen und Schülern anbieten, eher Ingenieure, Naturwissenschaftler und Anwender der Mathematik ausbilden. In Polen liegt der Fokus eher auf rein mathematischen Fertigkeiten (z.B. Mengenlehre, Logik, Trigonometrie etc.). Dazu gehört es auch, die wichtigsten Werte und Funktionen zu kennen. Ohne Probleme können die Schülerinnen und Schüler die Werte der Wurzel von 2 oder 3 nennen, die Werte von Sinus und Cosinus für 30°, 45°, etc. gehören zum Standardrepertoire eines 12 Klässlers. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sie in den Prüfungen einen Taschenrechner verwenden dürfen, der nur die vier Grundrechenarten bieten kann. Da im Unterricht nicht viel Zeit für die Anwendung der mathematischen Inhalte verwendet wird, kann viel gerechnet und geübt werden. Das führt dazu, dass die Schülerinnen und Schüler inhaltlich sehr tief in ein Thema einsteigen müssen.

Die Frage, die man von Schülerinnen und Schülern in Deutschland regelmäßig gestellt bekommt, wird hier eher seltener gestellt: „Wofür brauchen wir das?“

 

 

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