Mathematikunterricht in Polen und Deutschland

In Deutschland sind wir in der Lehramtsausbildung im Fach Mathematik auf Leitideen und Kompetenzen getrimmt. Die Mathematik, die wir Abfragen und der Unterricht, den wir durchführen sollen, ist stets in einen Kontext eingebunden. So die Idee, um z.B. trägem Wissen vorzubeugen. „Nackte“ Mathematik ist nur ein Teil in deutschen Klassenzimmern und sollte natürlich nicht vernachlässigt werden. Mathematik hat für sich eine eigene Ästhetik. Jetzt bin ich in der glücklichen Lage zu beobachten, wie Mathematik in Polen abläuft und welche Inhalte wichtig sind. Die Unterschiede sind größer, als ich dachte.

Fach- vs. Kompetenzorientierung

Wenn man wissen will, welche Fachinhalte in der Schule wichtig sind, schaut man sich die Abschlussprüfungen an. Natürlich habe ich schon während der Hospitationen gemerkt, dass die Schwerpunkte anders liegen: Beispielsweise wird analytische Geometrie im dreidimensionalen Raum gar nicht thematisiert. Die Prüfungen in Polen verlangen ein tiefes Wissen zu ausgewählten mathematischen Themenbereichen. Dabei geht es vor allem darum, das mathematische Handwerkszeug zu beherrschen (K1, K4, K5, K6). Eine Anwendung des Wissens durch Modellierung (K3) oder Problemorientierung (K2) findet fast gar nicht statt bzw. wird nur am Rande erwähnt. Natürlich werden solche Kompetenzen im Unterricht nicht angesprochen, wenn die Inhalte nicht geprüft werden. Der Unterricht findet somit meist auf der innermathematischen Ebene statt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Schülerinnen und Schüler ein umfassendes mathematisches Wissen haben müssen, ist das auch kein Wunder. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Unterricht selbst. Es geht meistens darum, so viele Aufgaben und Beispiele zu rechnen, dass man in die Übung kommt, entsprechende Aufgaben lösen zu können.

Ein Aufgabenbeispiel für eine typische Abiturprüfung

Unterrichtsplanung

Nun ist es so, dass ich wirklich nicht der Überzeugung bin, dass ein solcher Mathematikunterricht wirkungsvoll, effektiv oder nachhaltig ist. Das ist vielleicht auch nur meine persönliche Meinung. Trotzdem muss ich, wenn ich nicht nur beobachten möchte, Unterricht machen, der die Schülerinnen und Schüler weiterbringt und sie die Prüfung bestehen. Obwohl ich im Grunde von den Lehrkräften großes Vertrauen genieße und vieles im Unterricht machen kann, bringt mich die obere Überlegung in einen Konflikt. Wie mache ich meinen Unterricht? So wie ich es gelernt habe oder wie es in Polen üblich ist?

Während einer Unterhaltung mit einer Deutschlehrerin über dieses Thema fragte sie mich, was ich denn für sinnvoll oder besser halte. In diesem Fall habe ich mich nicht um eine diplomatische Antwort bemüht und gesagt, dass die deutschen Ingenieure weltweit doch eher hohes Ansehen genießen. Auch wenn das kein empirischer Nachweis ist, können wir auf unser Bildungssystem ein wenig stolz sein (natürlich muss auch noch vieles verändert werden).

Die sechs mathematischen Kompetenzen im Überblick

  1. Mathematisch argumentieren (K1)
  2. Probleme mathematisch lösen (K2)
  3. Mathematisch modellieren (K3)
  4. Mathematische Darstellungen verwenden (K4)
  5. Mit symbolischen, formalen und technischen Elementen der Mathematik umgehen (K5)
  6. Mathematisch kommunizieren (K6)

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