Der Unterrichtsstil und das Lehrer-Schülerverhältnis in Polen

Bestimmte Lehrertypen kennt wohl jeder von uns. Vom Choleriker bis hin zum Verständnisvollen ist in deutschen Schulen sicher alles vertreten. Mit dem einen kommt man gut klar, mit dem anderen eher weniger. So hat jeder seine Präferenzen. Auch in Polen ist es natürlich nicht anders. Jede Lehrkraft hat ihren eigenen Stil. Es gibt allerdings wesentliche Unterschiede in dem grundlegenden Verhältnis von Lehrern und Schülern in Polen.

Respektiere den Lehrer!

Respekt ist im generellen zwischenmenschlichen Umgang etwas sehr Wichtiges. Dass allerdings Oberstufenschüler aufstehen, um die Lehrkraft zu begrüßen, sieht man in Deutschland wohl eher selten. An meiner Schule ist das die Regel und wird auch von den Lehrkräften eingefordert. Dass es ein nützliches Ritual in der Unterstufe sein kann, könnte ich noch verstehen, obwohl es mir trotzdem bitter aufstößt, da ich mir schönere Rituale vorstellen kann. Die Lehrkraft (oder der Professor, wie früher die Lehrer von den Schülern in Polen genannt wurden) ist also eine respektierte Person.

Die Ansage der Lehrkraft hat ein großes Gewicht für die Schüler. Etwas ungewöhnlich für mich ist es, dass wirklich nur ein kurzer Ruf nach Ruhe ausreicht, um die gesamte Klasse zu beruhigen. Genauso verhält es sich mit anderen Ansagen der Lehrkraft. Bei einer Klasse mit 35 Schülerinnen und Schülern erleichtert das natürlich die Arbeit. Mir fällt es jedoch recht schwer, diese Autorität ernst zu nehmen, wobei ich mich nicht unbedingt zu den „Verständnisvollen“ zählen würde. Deshalb bleiben die Schüler auf meinen Wunsch in meinen Stunden bei der Begrüßung sitzen. Skurril, wenn eine andere Lehrkraft reinkommt und sie dann wieder aufstehen.

Widersprich nicht dem Lehrer, er weiß alles!

Wenn ich in meinem Unterricht versuche ein Unterrichtsgespräch zu entwickeln, schauen die Schülerinnen und Schüler zunächst etwas unsicher. Bei dem Versuch in meinem Unterricht ein Ergebnis gemeinsam zu erarbeiten, bin ich im Endeffekt kläglich gescheitert. Auch wenn die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe verstehen, erwarten sie eher, dass die Lehrkraft ihnen den Stoff, die Formel (in Mathe) „vorgibt“, um weitere Aufgaben lösen zu können. Für das „Unterrichtsgespräch“ in Polen ist es eher üblich die Schülerinnen und Schüler (auch in der Oberstufe) einfach dranzunehmen. Automatisch antworten sie dann auf die gestellte Frage.

Frage nicht kritisch nach!

Wenn Aufgaben aufgegeben werden, und das sind in manchen Klassen 10-20 an der Zahl, werden sie ohne Beanstandung gerechnet. Das heißt, dass man eine 45-minütige Stunde mit dem bloßen Rechnen von Aufgaben verbringen könnte. Ich habe das mal in einer Einheit ausprobiert. Etwas Langweiligeres aus der Lehrerperspektive habe ich selten erlebt. Man sagt: „Rechnet Aufgaben 1-5“. Wenn die Schülerinnen und Schüler fertig sind, gibt man einfach weitere Aufgaben auf.

Trotzdem familiäre Verhältnisse

Man könnte als Außenstehender meinen, dass das Verhältnis von Schülern und Lehrern entsprechend angespannt ist und die Schüler die Schule nicht mögen. Überrascht haben mich dementsprechend die zahlreichen Besuche der ehemaligen Schüler zur Weihnachtszeit. Dann erzählen sie vom Studium oder anderen Neuigkeiten im Leben oder halten einen Kurzvortrag vor Schülerinnen und Schülern. Allgemein herrscht eine große Verbundenheit mit der Schule. In Polen begleiten die Lehrkräfte die Schüler über 3-6 Jahre als Fachlehrer auf dem Gymnasium. In dieser Zeit lernen die Lehrkräfte die Geschichten und Hintergründe der Schüler sehr gut kennen. Ob diese Konstanz immer gut ist, zweifle ich allerdings an, wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke.

Fazit: Fairness und Konsequenz

Der alltägliche Umgang an meiner Schule in Polen ist durch Respekt voreinander geprägt, das macht die tägliche Arbeit für die Lehrkräfte einfacher. Sie werden respektiert und ihr Wort zählt sehr viel bei den Schülerinnen und Schülern. Ohne diese Autorität könnte man die Lernenden wohl auch nicht dazu motivieren, eine so große Menge an Stoff zu „pauken“. Auf der anderen Seite gibt es eine gute Bindung zwischen den Lehrkräften und den Schülern, die die Schüler immer wieder an ihre Schule lockt, um ihre Lehrer zu besuchen. Das schaffen natürlich nicht alle Lehrkräfte. Die besuchten Lehrkräfte bestechen vor allem durch Fairness, eine konsequente Führung und eine Prise „Menschlichkeit“.

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