Der traurige Golem des Ostens – Russische Männer

Ich zähle mich zu den Gewinnern, zur zweiten Einwanderergeneration. Selbst in Russland geboren, jedoch in Deutschland mit russischen Einflüssen sozialisiert. Ich habe vom Bildungssystem und allen Freiheiten, die Deutschland zu bieten hat, sehr profitiert. Ich denke manchmal darüber nach, wie ich mich entwickelt hätte, wenn meine Eltern im sibirischen Barnaul geblieben wären. Natürlich wäre ich irgendwie zurechtgekommen. Vielleicht wäre ich ausgewandert, nach Amerika oder Kanada, so wie es heute viele junge Russen mit guter Ausbildung machen. Ich bin froh in Deutschland zu leben. Eine ganze Generation ist es jedoch nicht.

Die Unglücklichen

Die erste Generation der russischen Männer ab 40/50, die keinen richtigen Beruf in der Sowjetunion erlernt haben, deren Berufsausbildung in Deutschland nicht anerkannt wurde oder die schlicht zu alt für einen Neuanfang in der Fremde waren. Ich rede nicht von den Menschen, die bereits in Russland eine gute akademische Ausbildung erhalten haben und sich dadurch auch mit 20/30 den neuen Lernaufgaben im Westen stellen konnten. Auch sie sind zum Teil nicht angekommen, weil auch ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt wurden und damit ein großer Teil ihrer Identität an der deutschen Grenze verloren ging. Ich rede auch nicht von den Frauen, sie sind sehr anpassungsfähig. Sie gehen Putzen oder machen andere Arbeiten. Ich rede von „echten männlichen Männern“. Von Männern, die kämpfen, prügeln, trinken, schreien, mit Waffen hantieren und Tage lang durch die Taiga auf der Suche nach Bären stapfen können. Von Männern, die Stunden lang auf ein Loch im Eis starren können, um einen winzigen Fisch aus dem Wasser zu holen, in der ständigen Bereitschaft den eigenen Staat zu verteidigen.

Paradoxe Sehnsucht

Ausgestattet mit diesen Fähigkeiten kommt man im “weichen” Deutschland nicht weit. In einem Land, wo Worte mehr zählen als Muskeln, wo meist schon nach 3-4 Stunden Wanderung die nächste Stadt auftaucht, wo man einen Angelschein machen muss, um am nächsten See angeln zu dürfen. Es ist verständlich, dass sie eine paradoxe Sehnsucht entwickeln. Durch den konsequenten Konsum russischer Fernsehsender wird der Wunsch nach und die Bindung zu Russland stetig aufrechterhalten. Reisen sie wieder in ihre ehemalige Heimat, merken sie schnell, dass es doch nicht so romantisch ist, mit 50 Jahren Holz für die Banja zu hacken oder durch Massen von Mücken an einem See zerstochen zu werden. Sie können nicht komplett loslassen, sie können aber auch nirgends richtig anknüpfen.

Mich macht es manchmal traurig diese Menschen zu sehen. Sie sind in einem Alter, in dem man in Deutschland häufig auf das Abstellgleis kommt. Gleichzeitig sind sie nicht mehr so flexibel, sich an das wandelnde Deutschland anzupassen. Was machen sie denn dann die nächsten 20-30 Jahre? Was bleibt ihnen? Flucht? Resignation?

Die verlorene Generation.

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