Babylonische Sprachverwirrung im Kopf

Russisch-Deutsch

Aufgewachsen bin ich mit Aussagen, wie „Du sprichst ja gut Deutsch, man merkt ja gar nicht…“, wenn ich gesagt habe, dass ich in Russland geboren bin und erst 1998 mit meinen Eltern nach Deutschland kam. Tatsächlich musste ich damals ohne Sprachförderunterricht Deutsch von Null an in der Grundschule lernen. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie die Lehrkräfte das damals gemacht haben. Meine Erinnerungen verblassen genauso wie die Tinte auf den handschriftlichen Zeugnissen. Das mit dem Lernen der Sprache ging wohl recht zügig, wenn man dem vergilbten Papier Glauben schenken will. Seitdem ist der Wechsel vom Russischen ins Deutsche und umgekehrt ein Kinderspiel. Ja, dieser Moment ist fast magisch, wenn man nicht merkt, dass man die Sprache wechselt.

Polnisch-Russisch

Jetzt hospitiere ich schon seit fast drei Monaten an einer polnischen Schule. Da bleibt es natürlich nicht aus, dass ich auch ganze Stunden auf polnischer Sprache erleben durfte. Während ich am Anfang noch diese merkwürdige russische Blindheit gegenüber anderen slawischen Sprachen hatte, finde ich, dass Polnisch eine wirklich schöne Sprache ist und wesentlich mehr Gemeinsamkeiten mit dem Russischen hat, als ich dachte. Deshalb wundert es die Lehrkräfte an der polnischen Schule, dass ich ihren Gesprächen manchmal sehr gut folgen kann. Was mich allerdings nicht wundert ist, dass viele ältere Menschen in Polen mich auch verstehen, wenn ich sie auf Russisch vollquatsche, wenn es mit Englisch mal nicht weitergeht. Schließlich hat die Sowjetunion hier tiefe Spuren hinterlassen.

Deutsch-Russisch-Englisch

Aufgrund der Nähe zu Deutschland und der gemeinsamen Geschichte ist Poznan eine der Städte in Polen, die einen sehr hohen Anteil an Deutschlernern hat. Das ist auch der Grund, warum ich überhaupt an einer polnischen Schule hospitieren und unterrichten kann. Deshalb sind viele Beschilderungen und Beschreibungen in Museen auch auf Deutsch zu lesen. Der Trend ist allerdings rückläufig, da natürlich viele lieber Englisch lernen wollen. Das merkt man natürlich auch im Alltag. Mit Englisch kommt man beispielsweise in Restaurants sehr gut zurecht.

Babylon

Aus dieser Vermischung von Russisch, Polnisch, Deutsch und Englisch kommt es somit während meines Aufenthalts nicht selten vor, dass ich erstmal nachfragen muss, ob mein Gegenüber Englisch, Russisch oder Deutsch spricht. Langsam fühlt sich mein Hirn ganz weich an. Wahrscheinlich mussten sich die Menschen beim Turmbau zu Babel genauso fühlen.

 

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