Der Babushka Effekt in St. Petersburg

Matroschki

Zuerst muss ich wohl den Begriff „Babushka“ erklären, da er wahrscheinlich nur denen bekannt sein wird, die in irgendeiner Weise mit der russischen in Kontakt gekommen sind.

Babushka

Babushka [die] ist die verniedlichte Form von Großmutter. Es kann wie Omi übersetzt werden. Doch während man mit Omi eine warmherzige ältere Dame verbindet, kann es eine Babushka durchaus faustdick hinter den Ohren haben. Deshalb muss eine Babushka keine Großmutter sein, es ist schlicht eine mittel alte bis ältere Frau, mit der häufig nicht zu spaßen ist.

Omis gibt wohl es überall, was ist also der Babushka-Effekt? Der Babushka-Effekt tritt nur unter bestimmten Voraussetzungen auf. Die wichtigste Bedingung für sein Auftreten ist ein hoher Anteil von Rentnern. Des Weiteren benötigt man einen sehr niedrigen Arbeitslohn und eine sehr, sehr niedrigen Rente. Damit sind in St. Petersburg perfekte Voraussetzungen für das Auftreten des Babushka-Effekts.

An jeder Stelle, an der eine Tätigkeit sitzend ausgeführt werden kann und auf etwas aufgepasst oder für Ordnung gesorgt werden muss, erhält eine Babushka ihren Einsatz. Dies führt zu einigen sehr verbreiteten und deshalb lustigen Jobs, die ich im Folgenden zusammengefasst habe.

Babushka Effekt

Garderoben-Babushka

In jedem öffentlichen Gebäude gibt es eine Garderobe, die meistens das Hoheitsgebiet einer Babushka ist.

Im-Museum-aufpass-Babushka

Sei es die Hermitage, das russische Museum oder eine kleine Ausstellung: In jedem Raum gibt es einen Stuhl auf dem eine Babushka sitzt und aufpasst, dass niemand die Exponate anfasst oder Fotos macht, wenn dies verboten ist. Ein Fotoverbot ist allerdings in russischen Museen nur selten der Fall.

Zusammen mit den Garderoben-Babushkas kommt die Hermitage – ich weiß nicht genau, wie viele Räume das Museum hat, es sind allerdings recht viele – auf nicht weniger als 60 Babushkas, die im Einsatz für Ruhe und Ordnung sorgen.

museum babushka

museum babushka

Im-Restaurant-Boden-wisch-Babushka

In den meisten Restaurants herrscht nicht nur ein Überfluss an Kellnern, was dem unglaublich niedrigen Lohn von 60 Rubel/Stunde (ca. 1 Euro) zu verdanken ist, es gibt dazu meistens auch eine Babushka, die alle 15 Minuten den Boden wischt.

In-den-Metrohäuschen-aufpass-Babushka

Es braucht ein 1 m² großes Häuschen, ein Mikrofon, eine Lautsprecheranlage, Kameras, Monitore und eine Babushka, um für Ordnung an jeder Rolltreppe in der St. Petersburger Metro zu sorgen. Verhält man sich an den Rolltreppen der Metros nicht regelkonform, wird man durch einen schrillen und meistens sarkastischen Warnruf der Dame in Uniform von unten zur Vernunft gebracht.

metro babushka

Im-Bus-Tickets-verkauf-Babushka

Nicht nur jede Metrostation, sondern jeder Bus, jeder Trolleybus und jede Tram hat seine eigene Babushka. Neben dem Busfahrer, der meist nur mit dem Fahren beschäftigt ist, gehört zum fahrenden Personal des öffentlichen Nahverkehrs in St. Petersburg eine Babushka, die die Tickets verkauft (siehe auch hier) und dafür sorgt, dass die Leute die Fahrten wirklich bezahlen. Immer häufiger beobachte ich allerdings junge Frauen und junge Männer, die keine Russen sind.

Am-Straßenrand-Marmelade-oder-Socken-verkauf-Babushka

An vielen Metrostationen oder Flohmärkten versammeln sich die Babushkas, um selbstgemachte Produkte zu verkaufen. Damit bessern sie ihre unglaublich kleine Rente auf.

socken babushka

In-der-Kathedrale-die-halbabgebrannten-Kerzen-einsammel-Babushka

In den meisten Kathedralen der Stadt werden zur Andacht gelbe Wachskerzen angezündet. Sind sie halb abgebrannt, werden sie von speziellen Babushkas, die durch die ganze Kathedrale mit einem Eimer laufen, eingesammelt.

kerzen babushka

Wohnheim-Eingangskontrolle-Babushka

In allen Wohnheimen der Stadt gibt es am Eingang einen Kontrollpunkt, an dem eine Babushka kontrolliert, ob du einen Pass (Пропуск) hast. Sie kontrolliert außerdem, ob jeder bis 23 Uhr aus dem Wohnheim raus ist, der kein Bewohner ist.

Keine-Babushka

Was mir bis vor kurzem nicht bekannt war, ist die Tatsache, dass viele unter dem Begriff Babushka die geschachtelten Holzpuppen verstehen. Um es klarzustellen, das sind keine Babushkas, das sind Matroshkas.

keine Babushka

Echte-Babushka

Ich muss allerdings hinzufügen, dass es für ältere Menschen in St. Petersburg und generell in Russland sehr schwer ist über die Runden zu kommen, da ihre Rente, wenn sie überhaupt ausgezahlt wird, meistens nur sehr gering ist. Wenn sie keine Familie haben, die sie unterstützt, sind sie darauf angewiesen, als Rentner etwas dazu zu verdienen.

Wem weitere Jobs aufgefallen sind, die vorzugsweise von Babushkas ausgeübt werden, kann das gerne in den Kommentaren nachtragen.

Weitere Links zum Thema

berlin-institut.org Demografische Fakten zu Russland

wikipedia.org

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4 Gedanken zu “Der Babushka Effekt in St. Petersburg”

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