Auslandsaufenthalt in Poznań (Polen) – Ein Resümee

Auslandshospitation-polen

Nach fast drei Monaten an einer polnischen Schule bin ich wieder zurück in Deutschland und versuche jetzt das Erlebte zu sortieren. In dieser intensiven Zeit durfte ich ein ganz anderes Schulsystem, neue Menschen und ein anderes Land für mich entdecken. In diesem Beitrag möchte ich mich der Frage widmen, was mir eigentlich die Auslandshospitation gebracht hat und ob ich einen Aufenthalt an einer ausländischen Schule für angehende Lehrkräfte empfehlen kann.

Polen und meine Vorurteile

Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil.

(Albert Einstein)

Wenn ich ehrlich bin, wusste ich eigentlich nichts über Polen. Gegen Vorurteile bin ich natürlich auch nicht sicher, obwohl ich immer versuche irrationale Befürchtungen für mich offen zu legen und sie dadurch zu überwinden. Als Mensch mit „Migrationshintergrund“ weiß ich, wie subtil und dadurch perfide Vorurteile sein können. Durch meinen Aufenthalt habe ich überhaupt gemerkt, dass ich Vorurteile in Bezug auf Polen hatte. Bereits vor einigen Jahren habe ich mal einen Beitrag gesehen, in dem es darum ging, dass Polen seit dem Eintritt in der EU große Modernisierungsschritte auf gesellschaftlicher und ökonomischer Ebene gemacht hat. Trotzdem habe ich mich eher darauf eingestellt, Verhältnisse vorzufinden, die an den Ostblock erinnern.

Weranda Café in Poznan

Weit verfehlt, die Menschen, die Stadt und das Land haben mich sehr positiv überrascht. Natürlich ist Poznań nicht das Musterbeispiel für eine typische Stadt in Polen. Was ist aber schon typisch? Selbst die Polen sagen, dass es einen himmelweiten Unterschied zwischen Menschen aus West-, Mittel- und Ostpolen gibt. Mir ist vor allem bewusstgeworden, dass Menschen mit polnischer Abstammung in Deutschland nicht wirklich auffallen (wollen). Begründet, wenn man die sehr persönlichen Erlebnisse in Emilia Smechowskis Buch liest. Wenn sie auffallen, dann ist es wie bei Russen eher negativ. Dass es in Poznań eine große Literaturszene, viele Museen, Cafés und Ateliers gibt, geht bei dem heutigen medialen Fokus auf Polen eher unter. Abgesehen von den winterlichen Temperaturen im Winter kann man in Poznan sehr gut Urlaub machen. Der mittelalterliche Stadtkern, das Schloss und zahlreiche historische Sehenswürdigkeiten laden dabei zu Entdeckungstouren ein.

Kunst im Park Cytadela.

Zwischen preußischen Tugenden und russischem Temperament

Mir ist deutlich geworden, dass ich nicht nur Polnisch an manchen Stellen doch erschreckend gut – abgesehen von der Sprachverwirrung – verstanden habe, sondern auch dass ich die Mentalität der Menschen gut nachvollziehen konnte. Obwohl der kritische Blick auf Russland im Land doch stark verbreitet ist, konnte ich dem einen oder anderen grimmig dreinblickenden älteren Menschen ein Lächeln entlocken, wenn ich mit ihm Russisch gesprochen habe. Die slavische Sprache und Prägung lassen sich in Polen nicht leugnen. Gleichzeitig gibt es starke Einflüsse vom westlichen Nachbarn und eine deutliche Tendenz gen Westen. Obwohl die Bewohner Poznańs alle Gründe hätten, alles Deutsche abzulehnen, gibt es sehr viele Schülerinnen und Schüler, die Deutsch als Zweitsprache wählen und z.B. an meiner Praktikumsschule das Deutsche Sprachdiplom erwerben. Für mich war es sehr interessant die Stadt und die Menschen zu entdecken, da mir dieser Zwiespalt zwischen Russland und Deutschland doch irgendwie bekannt vorkommt.

Rundumblick von der höchsten Stelle in Poznan.

Schulsystem reflektieren

Der Blick über den Tellerrand des eigenen Schulsystems, in dem man 13 Jahre verbracht hat, hat mir als angehende Lehrkraft vieles klargemacht. Das Banalste und vielleicht das Wichtigste ist, dass Schule nicht so sein muss, wie sie ist. Schule ist immer etwas, was durch staatliche Entscheidungen und gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst wird. Dass Lehrkräfte in Deutschland (meistens) verbeamtet werden, ein Referendariat absolvieren müssen, vergleichsweise gut bezahlt werden und andere Sicherheiten genießen, ist einfach nicht selbstverständlich. Das Fehlen dieser Boni kann den Lehrerberuf doch sehr erschweren. Dazu habe ich in einem früheren Beitrag etwas gesagt.

Was mich jedoch sehr irritiert hat, ist, dass es in Polen keine Unterrichtsnachbesprechung gibt. Die Unterrichtsreflexion ist etwas, was in der polnischen Ausbildung von Lehrkräften überhaupt nicht verankert ist. Neben einigen Kursen in Pädagogik, Psychologie und Didaktik an der Universität gibt es keine speziellen Lehramtsstudiengänge. Man wird primär als Fachmann oder Fachfrau ausgebildet. Angehende Lehrkräfte bekommen die Chance sich in einem zweimonatigen Schulpraktikum auszuprobieren, um dann an einer Schule eingesetzt zu werden. Wie wichtig eine fundierte Lehramtsausbildung ist und welche Vorteile das deutsche Schulsystem bietet, hat mir mein Aufenthalt deutlich aufgezeigt.

Fazit – Auslandsaufenthalt für Lehrer

Es leuchtet sofort ein, warum Studierende, die sich mit Sprachen, Wirtschaft oder ähnlichen Themen beschäftigen, einige Zeit im Ausland verbringen sollten. Erasmus oder andere Programme vereinfachen sogar den Austausch mit anderen Ländern. Warum man als angehende Lehrkraft ins Ausland gehen sollte, ist den „Betroffenen“ selbst meist jedoch schleierhaft. Ich plädiere dafür, dass jede Lehrkraft für einen gewissen Zeitraum an einer ausländischen Schule hospitiert. Der Blick von außen mildert die täglichen Probleme und kuriert die „Beschwerderitis“, an der viele Lehrkräfte leiden. Das Eintauchen in ein anderes System regt die Reflexion an und ist eine Inspiration für Entwicklungsprozesse. Abgesehen davon können Lehrkräfte dann auch Schülerinnen und Schülern überzeugend nahebringen, an einem Austausch teilzunehmen.

Abschiedsselfie
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